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Der Tagesspiegel vom
04. Mai 2001
Matthias Oloew
Eigentlich ist das geplante Denkmal nichts Außergewöhnliches. Es hat eine
Vorgeschichte, wie viele andere auch. "Diese Vorgeschichte ist eine Gute", sagt
Albert Eckert.
Er ist Sprecher einer Initiative mit dem sperrigen Namen "Der homosexuellen
Opfer gedenken" und erinnert an die Weimarer Republik. Eine gute Zeit war das
für die Lesben und Schwulen aus Deutschland und ganz Europa. Staatlicherseits
gab es kaum Diskriminierungen und Berlin entpuppte sich zum Zentrum der
Homosexuellen. Keine Stadt der Welt hatte so viele Bars und Clubs, so viele
Vereine, in denen sich Schwule und Lesben zusammen fanden. Magnus Hirschfeld
kämpfte in seinem Institut für Sexualwissenschaften für die Gleichberechtigung.
Doch ab 1933 war alles anders. Die Nazis an der Macht verschärften den
Paragrafen 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Das Gesetz
war Legitimation für Verfolgungen, Verhaftungen und Zwangskastrationen.
"50 000 Männer waren verfolgt, 20 000 inhaftiert", bilanziert Lea Rosh. "Die
Bundesrepublik hat sich bislang mit dem Gedenken an die homosexuellen Opfer
schwer getan", sagt Günter Dworek. Das soll jetzt anders werden.
Lea Rosh, die Förderkreis-Vorsitzende zur Errichtung eines Mahnmals für die
ermordeten Juden Europas, und Günter Dworek als Sprecher des Lesben- und
Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) haben sich mit Albert Eckert zusammen
getan und am Donnerstag einen öffentlichen Aufruf gestartet. "Die
Bundeshauptstadt Berlin braucht einen Gedenkort für die im Nationalsozialismus
verfolgten Homosexuellen", heißt es da. Erste Unterzeichner sind unter anderem
Günter Grass, Christa Wolf, DGB-Chef Dieter Schulte, sowie die Bischöfinnen
Margot Käßmann und Maria Jepsen. Außerdem haben unterzeichnet: der Vorsitzende
des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, sowie der Vorsitzende des Zentralrats
der Sinti und Roma, Romani Rose.
Geplant ist ein Denkmal in der Nähe von Reichstag und künftigem
Holocaust-Mahnmal. Bundestag und Bundesregierung werden gemeinsam mit dem
Abgeordnetenhaus und dem Senat von Berlin aufgefordert, sich dafür einzusetzen.
"Es soll ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und
Ausgrenzung von Lesben und Schwulen sein", erläutert Dworek weiter und nennt
als Beispiel das Homo-Monument in der Innenstadt von Amsterdam, nahe des
Anne-Frank-Hauses. In Deutschland gibt es bislang lediglich drei aus
Privatinitiativen errichtete und bezahlte Gedenktafeln in Frankfurt, Köln und
Berlin. Am Nollendorfplatz lautet die Inschrift "Totgeschlagen, totgeschwiegen"
und erinnert außerdem an die mangelnde Aufarbeitung des Unrechts nach dem
Zweiten Weltkrieg.
Lea Rosh verteidigt das Konzept, für jede Opfergruppe des Nationalsozialismus
ein Denkmal zu errichten: "Jede Gruppe hat ihre eigene, spezifische
Leidensgeschichte." Homosexuelle seien, anders als Juden oder Sinti und Roma,
nicht systematisch in den Konzentrationslagern ermordet worden. Lea Rosh
weiter: "Dass gemeinsames Gedenken für alle Opfer nicht funktioniert, zeigt
sich an der Neuen Wache." Dort wird an alle Opfer von "Krieg und
Gewaltherrschaft" erinnert.
Die Initiative, seit 1995 mit der Denkmal-Diskussion befasst, fordert ein
Mahnmal von "nationaler Bedeutung". Noch in diesem Jahr soll ein Beschluss
gefasst werden, damit ein künstlerischer Wettbewerb ausgelobt stattfinden kann.
Der Aufruf: http://www.gedenkort.de/
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