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Von Sabine Röhrbein
10. Oktober 2001
Die Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken" hat ihre Forderung, ein
Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an zentraler
Stelle in Berlin zu errichten, mit der Aufstellung eines symbolischen
Bauschilds bekräftigt.
Am Mittwoch enthüllten Dr. Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie
des Terrors, die frühere Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses Dr.
Hanna-Renate Laurien vom Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V." und der
Sprecher der Initiative, Albert Eckert, nahe Brandenburger Tor und Reichstag an
der Ebertstraße das Schild, das auch an die Opfer des nach 1945 weiter
geltenden § 175 erinnert.
Es sei Zeit für ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und
Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben, meint der Lesben- und
Schwulenverband Deutschland (LSVD), der zu der Enthüllung eingeladen hatte.
"Wir dürfen die Opfer des Terrors nicht in Güteklassen einteilen", betonte die
ehemalige Berliner Parlamentspräsidentin in ihrer Ansprache und erinnerte
daran, dass sich der Bundestag im Zusammenhang mit der Errichtung des
Holocaust-Mahnmals verpflichtet habe, über das Gedenken aller Opfergruppen
nachzudenken. "Gott hat jedem Menschen die gleiche Würde gegeben", meinte die
gläubige Katholikin und Christdemokratin. Insofern gebe es auch eine Opferwürde
für alle Gruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, gedemütigt und
ermordet worden sind.
Andererseits existierten in unserer Gesellschaft immer noch erhebliche
Vorurteile gegenüber Homosexuellen, die sie in den Kreisen, in denen sie sich
bewege, selbst ständig zu korrigieren versuche. Oftmals sei noch davon die
Rede, dass Homosexualität Sünde sei. Zum Glück würden immer mehr Menschen
begreifen, "dass Homosexualität Schicksal und nicht Sünde ist". Allerdings
schrecke es ab, wenn Homosexuelle medienwirksam mit Brautschleiern auftreten
würden. "Damit helfen sie mir nicht", sagte sie.
In diesem Zusammenhang begrüßte sie das Coming Out des Regierenden
Bürgermeisters und SPD-Spitzenkandidaten bei den bevorstehenden Neuwahlen am
21. Oktober, Klaus Wowereit. Das sei offen und ehrlich gewesen und hätte nichts
mit der "Brautschleier-Politik" zu tun. Hanna-Renate Laurien, die ledig ist und
keine Kinder hat, machte auch deutlich, dass die Ehe für sie eine
"unverlierbare Würde" habe. Dies gelte auch für andere glaubwürdige
Lebensgemeinschaften. Allerdings sei die Ehe gesellschaftlich besonders zu
schützen, weil sie grundsätzlich für Nachkommen offen ist.
"Wir verbeugen uns in Ehrfurcht vor allen, die wegen ihrer sexuellen
Orientierung Opfer staatlicher Gewalt wurden", erklärte Andreas Nachama. Er
hoffe, dass das symbolische Bauschild nur kurze Zeit stehen bleibe, weil
Grundsteinlegung und Einweihung recht bald folgen sollten. In den vergangenen
Jahrzehnten habe sich viel bewegt, "manchmal auch weniger, als wir uns
wünschen", sagte er und berichtete, kürzlich Zeuge der Eintragung einer
gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gewesen zu sein. "Wir freuen uns für die
geschundenen Brüder und Schwestern, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung nun
möglich ist."
Albert Eckert erinnerte daran, dass Homosexuelle in der offiziellen
Gedenkkultur in Deutschland meist übergangen worden sind und die Gedenkorte an
homosexuelle NS-Opfer in Berlin, Köln und Frankfurt am Main auf privaten
Initiativen und Spenden beruhten.
Diese Orte seien wichtige Identifikationspunkte für die lesbisch-schwule
Erinnerungskultur, hätten aber keine überregionale Bedeutung. Eckert rief den
Bundestag dazu auf, einen künstlerischen Wettbewerb für ein würdiges Denkmal
auszuschreiben, das im stadträumlichen Zusammenhang mit dem Denkmal für die
ermordeten Juden Europas und dem Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma
stehe. "Mit dem schweigenden Schulterzucken, wenn es um die Verfolgung
Homosexueller geht, muss Schluss sein."
"Zur Erinnerung an die Männer, die wegen ihrer Homosexualität inhaftiert und
ermordet wurden - Zur Erinnerung an die Zerschlagung lesbischer und schwuler
Organisationen während des Nationalsozialismus - Zur Erinnerung an die Opfer
des auch nach 1945 weiter geltenden §175 StGB - Als Aufforderung an neue
Generationen lesbischer Frauen und schwuler Männer, ihren Weg zur Emanzipation
fortzusetzen und zu verteidigen - Als Aufforderung an alle Besucher,
Verschiedenheit als Bereicherung zu verstehen und auf die Gleichberechtigung
aller Menschen hinzuarbeiten", schlägt die Aufschrift des Bauschildes in fünf
Zeilen die Brücke von der Zeit der NS-Diktatur bis heute.
Den Aufruf für ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten
Homosexuellen haben zahlreiche prominente Unterstützer unterzeichnet, darunter
Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, Marianne
Birthler und Günther Grass. An der Enthüllung nahmen Abgeordnete des Deutschen
Bundestages und des Berliner Parlaments sowie VertreterInnen lesbisch-schwuler
Organisationen und Einrichtungen in Berlin teil.
www.queer.de
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