|
Von Jörg Lau
Wer in diesem Frühjahr und Sommer das Konzentrationslager Sachsenhausen
besucht, kann in der Ausstellungshalle eine höchst befremdliche Erfahrung
machen: Man findet sich an diesem Todes-Ort mit einem Mal mitten in das
blühende schwule Leben der Reichshauptstadt in den zwanziger Jahren versetzt.
Die Ausstellung rekonstruiert, wie der Titel sagt, die Verfolgung Homosexueller
im KZ Sachsenhausen. Sie zeigt aber nicht nur die Methodik der Absonderung,
Erniedrigung und Vernichtung, sondern versucht auch einen Begriff davon zu
geben, was hier eigentlich vernichtet werden sollte: eine ganze Lebenswelt von
bis dato ungeahnter Differenziertheit und von unvergleichlichem
Selbstbewusstsein. Es ist eine weise Entscheidung der Ausstellungsmacher, der
Strukturanalyse der Vernichtungsmaschinerie das Porträt jenes Netzwerks von
Freundschaften, Institutionen und Treffpunkten entgegenzustellen, dem der
Zugriff des Apparates galt - denn der Schrecken über die Grausamkeit bleibt ja
meist eine merkwürdig hohle und kurzfristige Sensation, wenn ihm nicht eine
Ahnung des Verlustes beispringt.
Zum ersten Mal wird hier also die Verfolgung und Erniedrigung der Homosexuellen
durch den NS-Staat anhand einer Fülle von Beispielen für ein allgemeines
Publikum fassbar gemacht. Die schiere Tatsache, dass nach der Befreiung der
Lager 55 Jahre verstreichen mussten, bis eine solche gründlich recherchierte
Ausstellung zustande kommen konnte, spricht beredt über ein schändliches
Versäumnis: Der allgemeine Erinnerungs-Boom im Zusammenhang mit der NS-Zeit hat
das an den Homosexuellen begangene Unrecht bezeichnenderweise peinlich
ausgespart - und das gilt für Wissenschaft und populäre Medien gleichermaßen.
Wer die bahnbrechende Ausstellung in Sachsenhausen anschaut, ahnt am Ende auch,
warum sich das so verhält. Die Homosexuellen waren zwar eine vergleichsweise
kleine Opfergruppe, und sie wurden im Unterschied zu rassisch Verfolgten
zeitweilig auch als potenziell "umerziehbar" betrachtet. Aber im Unterschied zu
allen anderen Opfern wurden sie nach der Befreiung aus den Lagern alsbald
weiter drangsaliert: In der Bundesrepublik blieb der von den Nazis verschärfte
Paragraf 175 bis 1969 in Kraft. (In der DDR - und das ist kein kleines
Ruhmesblatt - besann man sich immerhin schon 1957 auf liberalere Auffassungen
Weimarer Herkunft und stellte homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen
straffrei.)
Gestapo-Akten wurden von der Kriminalpolizei weitergeführt - man steht in der
Ausstellung einigermaßen fassungslos vor den dilettantisch umetikettierten
Aktendeckeln aus den brandenburgischen Archivbeständen. Keiner von den
Überlebenden der Schwulenverfolgung - nicht einmal die Verstümmelten und
Zwangskastrierten - konnte nach dem Krieg Wiedergutmachungsansprüche als
"Opfer des Faschismus" geltend machen: Sie waren ja Kriminelle gemäß einem
Gesetz, das weiterhin galt - und auch eifrig angewendet wurde. Die Justiz der
Bundesrepublik hat zwischen 1950 und 1965 ebenso viele Prozesse gegen
Homosexuelle geführt wie der NS-Staat: über 100.000. Der neue Staat erwies sich
auch in der Zahl der Verurteilungen - 44.231 - als höchst würdiger
"Rechtsnachfolger" des NS-Regimes.
Heute - in den Zeiten von Love Parade, Lilo Wanders und Gender Studies -
wandern immer mehr Elemente ursprünglich homosexueller Selbstinszenierung in
das allgemein zugängliche Lebensstil-Reservoir ab. Die Mehrheitsfähigkeit eines
kulturindustriell gut vermarktbaren Körperkultes, der sich einer einstmals klar
"schwul" identifizierbaren Ikonografie bedient, korrespondiert jedoch seltsam
mit dem systematischen Vergessen der Schwulenverfolgung. Wer mit Boy George,
George Michael und den Backstreet Boys aufgewachsen ist, wird sich nur schwer
vorstellen können, dass hierzulande die Hatz auf Homosexuelle ein politisches
Projekt war, das weit über andernorts bekannte Formen der Diskriminierung
hinauszielte. Der NS-Staat war bemüht, wie Peter von Rönn kürzlich in
grundlegenden Arbeiten über die nationalsozialistische
"Homosexualitätskonstruktion" gezeigt hat, die Schwulen als politische Gegner,
als innere Staatsfeinde zu definieren. Homosexualität wurde von einem
medizinisch-psychiatrischen Problem zu einer explizit politischen Frage
umgedeutet.
Die ewige Ätiologiedebatte - Veranlagung oder erworbene Disposition -
interessierte die nationalsozialistischen Ideologen nicht: Homosexuelles
Verhalten bedrohte die prekäre Konstruktion des Männerstaats und seiner
kämpferischen Verbände, die durch Kameradschaft und blinde Unterwerfung unter
den Führerwillen zusammengehalten werden sollten. Mit der Konsolidierung von
Himmlers Machtapparat um 1937, der sich an männerbündischen Vorstellungen und
am Frontkämpferideal orientierte, wurden die Homosexuellen dann offiziell zu
Staatsfeinden erklärt. Der Ekel vor "widernatürlichen" Sexualpraktiken wurde
zwar weidlich propagandistisch ausgeschlachtet, bildete aber nicht den
Motivkern der Verfolgung: Es ging, so kann man im Schwarzen Korps und in
Himmlers Geheimreden nachlesen, vor allem um die Bekämpfung jener
Verkehrsformen zwischen schwulen Männern, die einem Männerstaat gefährlich
werden konnten. Freundschaft und Verführung, die beiden ikonischen Muster
schwuler Assoziation, waren gleichermaßen unvereinbar mit dem "Ethos" des
nationalsozialistischen Mannes, für den es nur soldatische Kameraderie und
unbedingte Folgsamkeit geben sollte. Vor diesem Hintergrund - der Politisierung
der Schwulenverfolgung durch den NS-Staat - zeigt sich die besondere Infamie
jener Weigerung, den homosexuellen Opfern den Status politisch Verfolgter
zuzuerkennen.
In der Ausstellung lässt sich anhand verschiedenster Lebensläufe
nachvollziehen, wie Professoren, Stricher, Künstler, Kaufleute, Arbeiter und
Lehrer aus ihrem Leben gerissen und ihrer sexuellen Orientierung wegen zu
Staatsfeinden erklärt wurden. Die Vielfalt des schwulen Lebens in der Weimarer
Zeit scheint im Moment ihrer Vernichtung noch einmal auf - vom eheförmigen
Verhältnis ehrbarer bürgerlicher Herren über die Gelegenheits-Homosexualität
verschämter Klappenbesucher bis zur flatterhaften Existenz der zahlreichen
Transvestiten der Hauptstadt. Die Ausstellungsmacher haben über Jahre hinweg
eine umfassende Spurensicherung betrieben und sind nun in der Lage, über die
Zahl der in Sachsenhausen inhaftierten und ermordeten Schwulen zuverlässige
Schätzungen abzugeben: Etwa 1.200 "175er" - so wurden sie nach dem
einschlägigen Paragrafen benannt - waren zwischen 1936 und 1945 im KZ der
Reichshauptstadt. Nachweislich über 600 von ihnen wurden dort ermordet. Von
diesen wiederum sind bisher rund 300 mit Namen bekannt. Die Liste der
namentlich feststellbaren Ermordeten ist dem zur Ausstellung erschienenen
Materialienband beigefügt - sie bildet die Vorstufe jenes überfälligen
öffentlichen Gedenkraumes, den die Schwulenverbände bislang erfolglos fordern.
(DIE ZEIT, 27.04.2000)
www.zeit.de
|
|
|