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Von Hanna Kolb
"Oh, welche Lust, deutscher SA-Knabe zu sein", verkündet höhnisch ein
Flugzettel von 1932. Abgebildet ist in schwungvollen Strichen ein blonder Bub,
der sich vertrauensvoll an den älteren Kameraden schmiegt. Mit dem Vorwurf der
Homosexualität operierten die Antifaschisten ebenso wie die
Nationalsozialisten. Während das Exil den Mythos von den schwulen Nazis
kultivierte, wurden in Deutschland die Kneipen, Buchverlage und Vereine der
Homosexuellen aufgelöst, wurden Zehntausende bespitzelt und schikaniert und
starben Tausende einen unmenschlichen Tod in den Konzentrationslagern.
Zwei parallel laufende Ausstellungen dokumentieren nach sechsjähriger Vorarbeit
nun die "Verfolgung homosexueller Männer in Berlin zwischen 1933 und 1945", die
eine in der Gedenkstätte des KZs Sachsenhausen, die andere im Schwulen Museum
in Berlin. Anhand von Briefen, Gerichts- und Gestapoakten, Fotos und
Zeichnungen werden rund 60 Lebensgeschichten nacherzählt, soll den
homosexuellen Opfern nach dem Willen der Ausstellungsmacher "wieder ein Name
gegeben werden".
Denn das Leiden der Homosexuellen in den KZs war bisher kein Thema für die
offizielle Erinnerungskultur. Nur wenige hatten den Lageraufenthalt überlebt,
zudem war Homosexualität auch in der Bundesrepublik bis 1969 und in der DDR bis
1968 strafbar, so dass auch diese Wenigen sich nicht zu Wort meldeten. Bis
heute haben sie keine Entschädigungen erhalten. In Erinnerungen jüdischer oder
politischer Inhaftierter tauchen die Männer mit dem rosa Winkel nur am Rande
auf. Die staatlich geförderte Geschichtsschreibung mied lange das Thema, so
dass die Erforschung einzelnen Privatpersonen, in der Regel selbst
Homosexuelle, überlassen blieb.
Immerhin war Berlin in den zwanziger Jahren ein Eldorado der Homosexuellen
beiderlei Geschlechts gewesen. Hier war der Sitz des
Magnus-Hirschfeld-Zentrums, trafen sich Lesben und Schwule in mehr als 100
Lokalen. 48 000 Mitglieder hatte der Bund für Menschenrecht, der Verband der
Homosexuellen, 1929, im gleichen Jahr erwog der Reichstag, Homosexualität
zwischen erwachsenen Männern zu legalisieren. Die Frauen hatten es leichter:
Lesbische Liebe war weder in der Weimarer Republik noch unter den Nazis
explizit strafbar.
Doch für alle Homosexuellen galt: Sie mussten sich ins Private zurückziehen und
in ständiger Furcht leben. 1936 war die Reichszentrale zur Bekämpfung der
Homosexualität und Abtreibung gegründet worden. Razzien und Verhaftungswellen
waren seit 1933 an der Tagesordnung. Das Katz- und Maus-Spiel mit der Justiz
demonstriert der Fall des Julius Enoch, von Beruf Briefmarkenhändler. Dieser
war, so sagt er vor Gericht aus, am Abend des 31. Juni 1936 laut singend durch
die Straßen gegangen, "wie es meine Angewohnheit war". Auf den Gesang hin habe
ihn ein Unbekannter angesprochen und um stimmliche Unterweisung gebeten. Dazu
begaben sich die beiden in den nächsten Park. "Um die Atemübungen richtig
durchzuführen, mussten wir uns auf die Erde legen. So kam es, dass der Mann auf
dem Rücken lag und ich neben ihm kniete und hierbei seine Übungen
kontrollierte." Die Haare des Mannes auf dem Polizeifoto sind straff mit Gel
zurückgekämmt, die Augenbrauen nachgezogen, die Lippen lassen die Schminke
erahnen. In den starren Gesichtszüge versucht der Betrachter zu lesen: Ironie
oder Verzweiflung? Vielleicht beides.
Der Weg des Homosexuellen lag immer hart am Abgrund. Über 17 200 Fälle
"widernatürlicher Unzucht" bearbeitete die Berliner Staatsanwaltschaft zwischen
1933 und 1945, 5700 Homosexuelle wurden verurteilt. Nur ein ganz kleiner Teil
von ihnen gelangte in ein KZ. Doch diese wurden umso grausamer gequält. In der
Lagerhierarchie standen sie ganz unten, angefeindet von den übrigen Häftlingen
und besonders schikaniert von der SS.
Gleichzeitig verwischten sich in der Männergesellschaft des Lagers bisweilen
die Grenzen zwischen Homo und Hetero. Auch unter den Häftlingen der anderen
Gruppen waren Schwule, andere Häftlinge fanden erstmals im Lager Gefallen an
männlichen Sexualpartnern. So kam es in Sachsenhausen 1939 zu einem Verfahren
wegen Homosexualität gegen 50 Häftlinge, von denen nur 22 eine Vorstrafe wegen
Paragraf 175 in ihren Akten vermerkt hatten. Nun änderte die Lagerleitung die
Taktik: Während man erst die "175er" auf alle Baracken aufgeteilt hatte, weil
man glaubte, dass der "gesunde Abscheu" der übrigen Gefangenen sie unter
Kontrolle halten würde, wurden sie jetzt streng isoliert.
Nach Kriegsbeginn gab es kaum noch Entlassungen von Homosexuellen. Wer nun noch
im Lager war, hatte wenig Überlebenschancen. Über 600 Homosexuelle wurden
zwischen 1939 und 1942 in Sachsenhausen zu Tode gefoltert oder in den
Selbstmord getrieben - das waren so gut wie alle Männer mit rosa Winkel, die zu
jener Zeit im KZ gelebt hatten.
Bis zum 30. Juli; Katalog 32 Mark
(Die Welt 03.05.2000)
www.welt.de
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