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Wolfgang
Thierse
Rede zum Christopher Street Day am 23. Juni 2001 in Berlin
"Wir stellen uns quer gegen Rechts"
Seit gut einem Jahr diskutieren wir in Deutschland intensiv über rechtsextreme
Gewalt. Es war durchaus eine sehr fruchtbare Debatte, in der immer wieder
gefragt wurde, warum vor allem junge Menschen vor allem im Osten Deutschlands
so gewalttätig auf andere Menschen einprügeln, ja sie sogar zu Tode treten.
Intensiv haben wir darüber nachgedacht, wie wir gegen diese brutale,
unmenschliche Gewalt und diesen blanken Rassismus vorgehen können. Es war eine
schonungslose Debatte, die endlich aufgedeckt hat, was jahrelang verschwiegen
und beschönigt wurde. Aber, und diese Frage ist ungeheuer ernüchternd: Hat sie
wirklich etwas bewegt? Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten ist nicht
zurückgegangen, nein sie ist gestiegen! Der Verfassungsschutzbericht zählt für
das vergangene Jahr knapp 16.000 rechtsextrem motivierter Straftaten - das ist
eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um fast 60 Prozent. Diese Entwicklung
zeigt, dass die Gefahr des Rechtsextremismus nicht gebannt ist. Wir werden uns
auch in den nächsten Jahren sehr intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie
wir Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt bekämpfen. Einen Schlusspunkt
können und dürfen wir nicht setzen.
Diese Erfahrung habe ich auch in den zahlreichen Gesprächen mit Menschen
gemacht, die sich in Initiativen gegen Rechtsextremismus engagieren, die sich
wie Sie heute hier in Berlin querstellen gegen Rechts. Viele dieser jungen
Leute sind oft selbst Opfer rechtsextremer Gewalt. Weil sie eine andere
politische Einstellung haben oder weil sie anders aussehen, werden sie von
Skins und Neonazis angepöbelt, gejagt und oft auch verprügelt. Wenn es auch in
Berlin oder in anderen großen Städten zum Selbstverständlichen gehört, dass
homosexuelle Paare händchenhaltend über die Straße gehen, ist das in vielen
ländlichen Regionen immer noch gefährlich. Vor allem dort wo es die
so genannten
national befreiten Zonen gibt, werden Homosexuelle angepöbelt und verjagt. Für
viele Menschen ist es inzwischen Alltag, Angst vor Neonazis haben zu müssen. In
vielen Gesprächen habe ich ihre Ohnmacht und ihre Wut gespürt, denn häufig
werden sie auch von Politikern, von ihren Nachbarn, ihren Mitbürgern im Stich
gelassen. Sie werden im schlimmsten Fall sogar als Nestbeschmutzer diffamiert,
die der eigenen Stadt nur Schaden zufügen. Und nicht selten ist offenes oder
heimliches Einverständnis mit denen, die da so gewalttätig und brutal vorgehen.
Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit kommen aus der Mitte der
Gesellschaft, das ist eine Erkenntnis, vor der wir nicht mehr die Augen
verschließen dürfen. Und das ist die zentrale Gefahr für unsere Demokratie, die
von der Verschiedenheit, der Pluralität der Gesellschaft lebt.
Rechtsextreme Gewalttäter sind von der Ungleichwertigkeit der Menschen
überzeugt, das ist das Kernstück rechter Ideologie, nur daraus erklärt sich die
Gewalt gegen Farbige, Linke, Obdachlose oder auch Homosexuelle. Neonazis
definieren die, die anders sind als sie selbst, als unwertes Leben, als nicht
gleichberechtigtes Leben. Und wohin diese menschenverachtende Einstellung
führen kann, das haben wir in Deutschland schon mal erlebt. Die furchtbare
Erfahrung der Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen im Nationalsozialismus,
darunter eben auch zahlreiche Homosexuelle, ist es, die uns heute zwingt, alles
zu tun, damit dies nie wieder geschieht. Jeder Form von Ausgrenzung müssen wir
uns mit aller Kraft entgegenstellen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Neonazis
definieren, wer zu uns gehört und wer nicht. Deshalb ist der Kampf gegen
Rechtsextremismus so wichtig.
Wenn wir das heutige Motto ernst nehmen, dann müssen wir auch an die Menschen
denken, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, dann gedenken wir auch der
Menschen, die den Rosa Winkel tragen mussten, der Schwulen und Lesben, die von
den Nazis deportiert und gequält wurden. Über ein Mahnmal auch für diese Gruppe
der Verfolgten sollten wir deshalb nachdenken.
Es ist meines Erachtens vor allem eine Frage der Toleranz und Akzeptanz, wie
wir uns zur Homosexualität stellen. Es ist an der Zeit, die Vorurteile zu
überwinden, Abwehr und Ausgrenzungsmechanismen gegen Männer, die mit Männern
zusammenleben, gegen Frauen, die Frauen lieben. Dass hier immer noch
Unsicherheiten und Ängste herrschen, das ist das Anstößige! Es ist die
persönliche und ganz private Entscheidung jedes Einzelnen von uns, welche
Lebensform er wählt und wie er damit umgeht. Ob er sie öffentlich macht oder
nicht. So wenig es einen Bekenntniszwang gibt, so wenig darf es einen
Verheimlichungszwang geben. Hier im preußischen Berlin hat Friedrich der Große
einen sehr schönen Satz geprägt: “Jeder soll nach seiner Facon glücklich
werden!“ Und das kann ich, auch als bekennender Katholik, nur voll und ganz
unterschreiben! Nicht schon die gewählte Lebensform, die sexuelle Orientierung
ist eine Frage der Moralität, sondern wie jemand damit umgeht. Ob Loyalität und
Treue, Respekt und Solidarität, Gerechtigkeit und Liebe eine Partnerschaft
bestimmen oder Illoyalität, Verrat, Erniedrigung - das ist die moralische Frage
und zwar an alle, an alle! Und genauso gelten die gleichen zivilen und
grundrechtlichen Standards für alle. Wir sind in Berlin. Dass diese Stadt nun
einen Regierenden Bürgermeister hat, der sich zu seiner Homosexualität bekennt,
der sich dagegen wehrt, dass seine sexuelle Orientierung gegen ihn
instrumentalisiert wird, das ist gut so! Wo, wenn nicht in dieser liberalen
Stadt Berlin könnte diese Tatsache eine Selbstverständlichkeit sein und
bleiben. (Übrigens: Ich bin seit 28 Jahren mit derselben Frau verheiratet und
ich finde das auch gut so!)
Was uns alle, so hoffe ich, miteinander verbindet über unterschiedliche
Lebensformen und Lebenseinstellungen hinweg, das ist unser Einsatz, unser
Engagement für eine Gesellschaft, in der wir Menschen ohne Angst verschieden
sein können, in der wir unsere Verschiedenheiten frei und fröhlich, solidarisch
und in Liebe leben können.
Das wollen wir feiern, auch heute abend. Viel Vergnügen dabei!
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