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Das nationalsozialistische Regime hat in ganz Europa eine unübersehbar große
Anzahl von Menschen zu Opfern gemacht. Millionen Juden wurden vergast,
Kriegsgefangene und politische Gefangene durch Zwangsarbeit vernichtet,
Kranke ermordet, Geiseln erschossen. Aber auch die deutsche
Zivilbevölkerung, durch Bombardements der Alliierten um Familie oder um Hab
und Gut gebracht, hatte Anlaß, sich als Opfer zu fühlen, unbeschadet der
Frage, wie viele Deutsche das NS-Regime aktiv gestützt und den Krieg mit
geführt hatten.
So wird verständlich, warum der Begriff "Opfer" in der BRD, auch in
Gedenkstätten und Zeremonien, weitherzig ausgelegt und auf alle Toten
gleichermaßen angewendet wurde. In der DDR wurde er dagegen mit dem des
Widerstandes gekoppelt, so daß der Tod in den Lagern des NS als aktives
Opfer im Kampf für den Sozialismus erscheinen konnte.
Erst der heftige - und erfolgreiche - Protest gegen das Anfang der 1980er
Jahre betriebene Projekt der Bundesregierung, in der Bonner Rheinaue zu
protokollarischen Zwecken eine neue "Zentrale Gedenkstätte der
Bundesrepublik Deutschland" einzurichten, an der aller Opfer gedacht werden
sollte, erwirkte im staatsoffiziellen politischen Diskurs die
Differenzierung zwischen Opfern und gleichfalls zu Tode gekommenen Tätern,
Mittätern und Mitläufern, deren persönliche Verantwortung für ihr eigenes
Tun nicht im Gedenken untergehen darf. Die Anhörung der vergessenen
Verfolgten des NS im deutschen Bundestag 1987 stellte schließlich in aller
Öffentlichkeit klar, daß Sinti und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas
verfolgt wurden. Auch die Hinterbliebenen der Euthanasie-Opfer und die
Zwangssterilisierten meldeten sich zu Wort. Man hat sich angewöhnt, die
Verfolgten in Opfergruppen einzuteilen.
Der Winkel als Würdezeichen
Die homosexuellen Häftlinge, in den KZs der Nationalsozialisten mit einem
rosa Winkel gekennzeichnet, standen am untersten Ende der Lagerhierarchie.
Sie wurden sogar von Mithäftlingen als Schwule verachtet, waren wohl auch
gelegentlich selber Nazis gewesen, Mitglieder von SA, SS oder Hitlerjugend,
als homosexuell denunziert und nach § 175 des Reichsstrafgesetzbuches
verurteilt. Im KZ Sachsenhausen bei Berlin wurden Hunderte von
Rosa-Winkel-Häftlingen durch Zwangsarbeit im berüchtigten Klinkerwerk - hier
wurden Ziegel für Albert Speers Hauptstadtumbau hergestellt - zu Tode
geschunden.
Nun hat die Diskriminierung Homosexueller weder erst 1933 begonnen, noch
1945 aufgehört. Der von den Nazis 1935 verschärfte § 175 galt in der BRD bis
1969, in der DDR kehrte man 1950 immerhin zu der Weimarer Fassung zurück.
Die Verurteilungen nach § 175 erreichten in der BRD um 1960 einen
neuerlichen Höhepunkt. In dieser Situation konnte es kaum möglich sein, die
schwulen Opfer des NS überhaupt öffentlich zu erwähnen. "Totgeschlagen -
totgeschwiegen" steht denn auch auf der 1989 am U-Bahnhof Nollendorfplatz in
Berlin angebrachten Gedenktafel. Dort erscheint, wie schon 1984, 1985 und
1987 in den KZs Mauthausen, Neuengamme und Dachau, der rosa Winkel als
Emblem. Man hat sich also das von den Nazis erfundene Schandzeichen
angeeignet und als Denkmalmotiv verwendet. Mit der Übernahme des rosa
Winkels stellen sich die Denkmalstifter in postumer Solidarisierung zu den
Verfolgten und verwandeln den Winkel in ein positives Identifikationssymbol.
Das bedeutet mehr als die vor allem in den 70er Jahren verbreitete Nutzung
des einprägsamen Motivs als Anstecknadel fürs Revers. Die Größe und
Dauerhaftigkeit der Ausführungen in Marmor oder Granit, die öffentlichen
Anbringungsorte und die durch Inschrift oder räumlichen Zusammenhang
eindeutigen Beziehung zur Verfolgung im Nationalsozialismus macht den rosa
Winkel zu einem Würdezeichen.
Es steht außer Frage, daß nicht nur die heute lebenden Schwulen, sondern
alle Zeitgenossen den homosexuellen Opfern Respekt schulden. Problematisch
wird die Sache, wenn aus der Würdigung der Opfer Würde für die Heutigen
abgezweigt werden soll. Denn schließlich geht es da um ein Denkmal für eine
Gruppe, deren Emanzipation noch nicht abgeschlossen ist. Grundsätzlich gilt,
daß Denkmale stets mehr über die Absichten und Ziele der Denkmalsetzer
verraten als über die Personen oder Ereignisse, von denen sie handeln. Wenn
also von grüner Seite mit Vehemenz ein Mahnmal in Sichtweite des Parlaments,
nahe beim Reichstag, gefordert wird, um die lange überfällige rechtliche
Anerkennung des NS-Opfer-Status für die verfolgten und ermordeten
Homosexuellen voranzutreiben und gegebenenfalls zu besiegeln, so ist damit
nur die eine Hälfte der Geschichte benannt. Die andere Hälfte ist die
Absicht, Homosexualität zum Gegenstand eines Denkmals im öffentlichen Raum
zu machen.
Liebe zwischen Männern ist als Thema privater Kunstwerke schon seit langem
etabliert. Aber im öffentlichen Raum, gar als Denkmalplastik, wird sie
Anstoß erregen. Die Wahl eines möglichst wenig anstößigen Konzeptes, das
womöglich noch aufgrund seines historischen Bezuges auf die Leiden der
Homosexuellen im Nationalsozialismus bei allen Aufgeklärten politisch
korrekte Zustimmung finden würde, würde also die Konsensfähigkeit des
Projektes gewiß erhöhen. Aber ist nicht die Schwulenbewegung schon weiter,
sollte sie es nicht wagen, der Öffentlichkeit mehr zuzumuten? Das kann
schwieriger werden, als man vermuten würde. Der große Wettbewerb für das
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (1994-95) und auch der
kleinere für die Errichtung einer Gedenkstätte an der Berliner Mauer (1994)
brachten gleichermaßen schwache Ergebnisse. Ungeübt im getragenen Modus der
Denkmalkunst, fallen selbst angesehene Künstler in Formerfindungen und
Wirkungskonzepten hinter ihre eigenen Standards zurück. Angesteckt vom
heiligmäßigen Ernst der Ausschreibungen, suchen sie die bedeutungsvolle
Form, das Symbol, das Gleichnis. Das hochgespannte Pathos löst sich jedoch
nur zu leicht in schiere Banalität auf: tiefe Löcher, hohe Wände, große
Platten verweisen am Ende auf nichts als sich selbst.
Auch das Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus
gegenüber dem Gerichtsgebäude in Frankfurt am Main (1992 - 94), taugt kaum
als Vorbild. Rosemarie Trockel formte den Gipsabguß einer gotischen
Engelsfigur vom Kölner Dombauhof nach, schlug dem Engel den Kopf ab und
setzte ihn verdreht wieder auf. In Bronze gegossen und schwarz gefaßt, steht
der Engel nun als Mitte einer kleinen Platzanlage, den Körper zur einen, den
Kopf zur anderen Seite gewandt. Ein Sinnbild, das schwerlich irgendeinen
Außenstehenden irritieren wird, zumal die Verdrehung des Kopfes nur bei
näherem Hinsehen erkennbar ist. Wenn sich nun die Initiative Homo-Monument
in Berlin zur Schaffung eines weiteren Denkmals entschließt, sollte sie mehr
wagen. Warum soll Homosexualität im geplanten Denkmal nur durch die Leiden
der NS-Opfer dargestellt werden, warum nur verschlüsselt, symbolisiert,
allegorisiert? Warum nicht ein Kunstwerk, das offensiv schwule Lebensweise
und Lebenswünsche vorträgt? Darum geht es heute - und ging es damals auch
schon.
Gabi Dolff-Bonekämper
Neue Zürcher Zeitung, 24. 12. 1996
www.nzz.ch
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