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Schwulen-Organisation wies bei einer Tagung auf das Schicksal schwuler
Nazi-Verfolgter hin
"Sittenstrolche" landeten schnell im KZ - Eingesperrt und kastriert -
Das Schicksal Rudolf K.'s steht für viele -
Kritik am Doku-Zentrum
Von CLAUDINE STAUBER
Schon bei der Eröffnung des Doku-Zentrums wurde vereinzelt Kritik daran laut,
die Opfer des NS-Staates kämen in der Ausstellung zu wenig vor. Den vom
Zentralrat der Juden Deutschlands beklagten Mangel sieht nun auch der
Völklinger Kreis, eine bundesweite Schwulen-Organisation. Der Blick müsse auch
auf das furchtbare Ergebnis des nationalsozialistischen Massenwahns fallen,
sagt Kreis-Sprecher Ralph Hoffmann. Viele Tausend Schwule hätten in KZ's ihr
Leben verloren.
Hoffmann hat jetzt zusammen mit dem schwul-lesbischen Verein Fliederlich in
Nürnberg eine zeitgeschichtliche Tagung organisiert, die auch den Besuch des
Doku-Zentrums mit einschloss. "Homosexuelle unter dem Hakenkreuz", so der
Titel, seien die vergessenen Opfer der Nazis und würden auch im Doku-Zentrum
leider nur einmal erwähnt.
Dem Einspruch, die neue Einrichtung auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände
sei nicht als Gedenkstätte konzipiert, hält Hoffmann Schicksale wie das des
1918 in Nürnberg geborenen Rudolf K. entgegen, die nicht in Vergessenheit
geraten dürften. Inge Breuling von Fliederlich hat K.'s Lebensweg
nachgezeichnet.
Wegen seiner Homosexualität war der Nürnberger zwei Jahre lang im KZ, ließ sich
dort "freiwillig" kastrieren und wurde noch in bundesrepublikanischen
Polizeiakten als "gemeingefährlicher Sittlichkeitstäter" geführt. Als der
Nürnberger 1968 einmal aus Deutschland ausreisen wollte, löste das eine Flut
von polizeilichen Mitteilungen aus, die in der Information gipfelten, K. sei
ein "gemeingefährlicher Sittlichkeitstäter".
Schon die Nazis hatten die homosexuellen Neigungen des 17-jährigen Rudolf K.
akribisch verfolgt, ihn mehrfach als "Sittenstrolch" festgenommen, in seiner
Wohnung Nacktbilder von Männern konfisziert und ihn am 5. April 1940
schließlich ins Konzentrationslager Flossenbürg geschickt. Nach seiner
Entlassung 1942 wurde der 24-Jährige als "Entmannter" weiter polizeilich
überwacht und wenig später zum Kriegsdienst eingezogen.
Krieg und KZ habe der Verfolgte überlebt, berichtete seine Biografin Inge
Breuling den Tagungsteilnehmern des Völklinger Kreises. Doch von den
psychischen Folgen habe er sich bis zu seinem einsamen Tod 1986 nie erholt.
Ralph Hoffmann: "Homosexuelle standen in der Rangordnung im KZ immer an
unterster Stelle."
Im April 1955 versuchte sich der depressive Rudolf K. bei der Steubenbrücke in
der Pegnitz zu ertränken und wurde laut NN-Bericht erst in letzter Minute von
Passanten gerettet. Immer am Todestag seiner Mutter, gab der Gerettete zu
Protokoll, gehe es ihm besonders schlecht.
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Nürnberger Nachrichten vom 27. November 2001
www.nn-online.de
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