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Joachim Müller,
Mitglied im Beirat der "Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten" und
Mitarbeiter im Schwulen Museum Berlin, über die Verfolgung Homosexueller im
Nationalsozialismus
• Alljährlich widmet das ehemalige
Konzentrationslager Sachsenhausen den Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des
Nationalsozialismus einer anderen Opfergruppe, in diesem Jahr den
Homosexuellen. Lässt sich Gedenken teilen?
Eben nicht. Jahrelang galt das Hauptaugenmerk vor allem zwei Haftgruppen: in
der DDR den Widerstandskämpfern und in der Bundesrepublik den Juden. Alle
anderen waren nachgeordnet oder wurden völlig verschwiegen. Wir fanden das
ungerecht. Deshalb die jährliche Vorstellung anderer Haftgruppen, als
zusätzliche Aufmerksamkeit. Der Tag bleibt allen Opfern gewidmet.
• Sie selbst forschen seit 1984 über
Homosexuelle im Dritten Reich. Wie viele gab es damals in Deutschland?
Ihre Zahl wird mit ca. einer Million geschätzt - eine genaue Angabe ist nicht
möglich, weil sie sich in der Regel nicht zu erkennen gaben. Diese eine Million
hat die Nazis außerordentlich beunruhigt. Mehr als lesbische Frauen, bei denen
man sagte, das sei bloß eine "dumme Angewohnheit" und sie machen das, weil die
Männer alle im Krieg sind. Aber eine Million homosexueller Männer in der
arischen Rasse, das war ungeheuer! Deshalb hat man sich getröstet, dass von
dieser Million höchstens zwei bis drei Prozent "echte" Homosexuelle seien. Die
anderen waren entweder "Verführte" oder aber "von Frauen übersättigt". Die,
glaubte man, umerziehen zu können.
• Es ging nicht um physische Vernichtung?
Nein. Homosexuelle waren ja noch als Arbeitskräfte nützlich. Aber es war ein
Totschlag zweiter Klasse: Man wollte die Homosexualität ausmerzen. Und dafür
gab es eine sehr knapp gefasste Begründung: Homosexualität sei eine Gefahr für
Staat, Volk und Rasse.
• Welche rechtlichen Grundlagen existierten,
um Schwule zu verfolgen?
Gar keine. Natürlich gab es seit 1871 im Reichsstrafgesetzbuch einen
Strafrechtstatbestand gegen Homosexualität und Sodomie ...
• Sie meinen den Paragraphen 175.
Genau. Der ermöglichte aber die Verfolgung homosexueller Handlungen nur dann,
wenn beischlafähnliche Handlungen nachweisbar waren, sprich: Analverkehr. Und
da musste schon jemand dabei gewesen sein. Deshalb haben die Nazis diesen
Paragraphen 1935 in seinem Strafbarkeitsumfang auf totale Wirksamkeit
ausgedehnt. Im Strafrechtskommentar war nun nicht mehr von "widernatürlicher
Unzucht" die Rede, sondern von Unzucht. Und Unzucht wurde so definiert,
dass
praktisch jede homosexuell deutbare Lebensäußerung - Küsse zwischen Männern,
aber auch Blicke, die man als lustfordernd definieren konnte - dazugehörte.
• In Sachsenhausen waren 200 000 Menschen inhaftiert. Wie viele davon, weil sie
schwul waren?
Homosexualität als Haftgrund ist in Sachsenhausen bei einer kleinen Gruppe von
ca. 1000 nachweisbar. Wie viele es wirklich waren, wissen wir nicht, weil die
Akten überwiegend noch in Moskau liegen. Und das sind auch nur die Akten, die
die SS nicht vernichtet hat.
• In den 70er Jahren war noch von Hunderttausenden homosexuellen Opfern die
Rede.
Ja, mit dieser Zahl wird teilweise heute noch in den USA operiert. Sie ist
Unfug. Ich bin kein schwuler Ideologe und nicht daran interessiert, mit Juden
und sechs Millionen Toten in Konkurrenz zu treten. Ich will keine Mythen
aufbauen. Die Gesamtzahl homosexueller Häftlinge in Konzentrationslagern wurde
mit etwa 10 000 hochgerechnet.
• Anders als Juden wurden Homosexuelle also
nicht systematisch verfolgt?
Man kann nicht von der Zahl der Inhaftierten auf die Systematik der Verfolgung
schließen. Außerdem waren es ja nicht nur die 10 000, die man in
Konzentrationslager gesperrt hatte, die verfolgt wurden, sondern auch die 50
000, die zu Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt worden waren. Darüber hinaus
hatte die Gestapo allein im Zeitraum 1937 bis 1939 etwa 100 000 Homosexuelle in
ihren Sammellisten, und bei der Kriminalpolizei bestanden in diesem Zeitraum
rund 34 000 homosexuelle Ermittlungsakten. Das heißt, es gab die totale
Erfassung von Homosexualität im Strafrecht. Das ist es, was die
Bundesregierungen bis zu Kohl - was die neue jetzt machen wird, müssen wir erst
sehen - bisher immer verleugnet haben: Die Totalität der Erfassung einer
Strafbarkeit von Homosexualität ist ein typisch nationalsozialistisches
Unrecht. Und von dieser Kriminalisierung waren alle homosexuellen Männer
bedroht. Das wirkte sich in psychischen Brüchen und Neurosen der Nachkriegszeit
weiter aus, da ja dieser Paragraph in der Bundesrepublik bis 1969 in der
Nazifassung gültig blieb.
• Sie haben die Lagerakten studiert. Die
Homosexuellen-Baracken waren von Anfang an durch einen Zaun vom Rest des Lagers
abgegrenzt. Warum diese Isolierung?
Rudolf Höß schrieb in seiner Autobiographie, man habe in den Homosexuellen im
Lager eine Gefahr gesehen. Nämlich die, dass sie andere, heterosexuelle Männer
zu homosexuellen Handlungen verführen könnten. Deswegen hat man sie auch bei
Arbeitseinsätzen von den anderen Häftlingen getrennt.
• Sie fanden heraus, dass die schwulen
Häftlinge besonders gern zu Strafkommandos eingeteilt wurden. Sie wurden
besonders hart "angefasst"?
Generell gab es die Strafkommandos für Verstöße gegen die Lagerordnung. Es
konnte demnach jeden treffen, nicht nur Homosexuelle. Ich sage das, weil ich
keine Sonderrolle Homosexueller stilisieren will, ich bin nur an den
Besonderheiten interessiert. Eine war, dass Homosexuelle nicht wie andere
zeitlich begrenzt in Strafkompanien eingewiesen wurden, sondern "bis auf
weiteres". Das bedeutete, ohne Ende. Mit dem Himmler-Erlass 1940 verschärfte
sich das. Jeder Homosexuelle, der mehr als einen Partner "verführt" hatte,
wurde nach Strafverbüßung ins KZ überführt. Dort kam er sofort in die
Strafkompanie, die im SS-Tarndeutsch übrigens Sonderkommando hieß.
• Lief das nicht doch auf Vernichtung
hinaus? Im Sonderkommando Klinkerfabrik, las ich, überlebte man nicht lange.
Die extremen Bedingungen galten für alle Häftlinge, die im Klinkerwerk
arbeiteten. Für Homosexuelle besonders "extrem" war die Mordaktion vom Sommer
1942: Täglich wurden mehrere von ihnen in die Postenketten getrieben und "auf
der Flucht" erschossen. Wir gehen von 200 Ermordeten aus.
• Sie sprachen über "Umerziehung". Was ist
darunter zu verstehen?
Bei den "echten" Homosexuellen versuchte man, die Homosexualität durch
Kastration in den Griff zu bekommen. Und in Buchenwald dadurch, dass man
Hormondrüsen einsetzte. Das war natürlich Unsinn. Woher kommt Homosexualität?
Damit bin ich bei den Genen. Ich bin ein militanter Gegner solcher Forschungen.
Weil der nächste Schritt ist, Homosexualität zu beseitigen. Was weiß man über
das Zusammenleben der schwulen Häftlinge? Vergleichsweise wenig. Es gibt wenige
Überlebende. Die Todesrate der Homosexuellen lag bei 60 Prozent und war damit
höher als die der politischen Gefangenen oder Zeugen Jehovas, die eine
Todesrate von 40 Prozent hatten. Das heißt, von den 1000 homosexuellen
Häftlingen haben nur 400 überlebt.
• Die wurden befragt?
Nein. In der Bundesrepublik galt der Paragraph weiter, und in der DDR
interessierte sich auch niemand für diese Haftgruppe; grundsätzlich strafbar
war Homosexualität bis 1968 ja auch dort. Das heißt, sie haben es gar nicht
gewagt, etwas mitzuteilen. Wir konnten nur wenige befragen. Diese wenigen
sagten aus, dass sie möglichst den Kontakt mit anderen aus ihrer Gruppe mieden,
um ja nicht in den Verdacht zu kommen, sie hätten was mit dem. Auch die
politischen Gefangenen hielten möglichst Abstand zu den Homosexuellen, weil das
sonst bei ihren Kameraden zu Neckereien und Verdächtigungen führte. Das war
gefährlich.
• Also kam zu der räumlichen Isolation noch
die menschliche.
Darüber wird nicht gern geredet, weil wir über die Jahrzehnte eher etwas über
die Lagersolidarität gehört haben. Erst jetzt ändern die ehemaligen
Politischen, die ja im Lager fast nichts von dieser Haftgruppe gesehen und auch
danach kaum etwas erfahren haben, ihre Position zu den homosexuellen
Häftlingen.
• Wird bei den Gedenkveranstaltungen ein
ehemaliger homosexueller Häftling dabei sein?
Nein.
• Sie verweigern sich?
Diese Männer sind heute alt. Und sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich
auch heute noch Schwierigkeiten einhandeln können. Als Pierre Seel vor zwei
Jahren seine Biographie veröffentlichte, trennte sich seine Familie von ihm.
Selbst von ehemaligen politischen Häftlingen in Frankreich erhielt er
Drohbriefe und Beschimpfungen.
Interview: Christina Matte
Neues Deutschland, 27. Januar 1999
www.nd-online.de
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