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Der homosexuellen NS-Opfer gedenken...

Andreas Nachama
Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors

Redebeitrag anlässlich der
Enthüllung eines Bauschildes für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

am 10.10.2001 in Berlin:

( - Es gilt das gesprochene Wort - )

"Der homosexuellen NS-Opfer gedenken: Deshalb stehen wir heute hier. Wir enthüllen ein Bauschild. 56 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Warum eigentlich erst jetzt? Frau Laurien, unserer hochverehrten ehemaligen Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, brauche ich nicht zu erklären, warum. Albert Eckert auch nicht, aber die jetzt heranwachsende Generation versteht das nicht. Ja ich war gerade in unserer Bundeshauptstadt in einem Berliner Bezirk Zeuge einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, die sich auf einem Standesamt hat registrieren lassen. Vielleicht das lebendigste Denkmal für die, die mit dem rosa Winkel auf der Häftlingskluft wie Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinto oder Roma ausgerottet werden sollten. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich doch viel bewegt, mehr als man manchmal denkt, weniger als wir uns wünschen.

Lange Zeit in meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich nicht verstanden, warum dieser Mann oder jene Frau zu denen gehörte, von denen mein Vater sagte, auch ein Auschwitz Überlebender, oder meine Mutter, auch ein U-Boot, ein Illegaler oder eine Illegale, aber kein Kommunist, kein Sozialdemokrat, kein Zeuge Jehova, kein Sinto oder Roma und auch kein Jude. Was dann?

Die Juden werden meist, wohl weil sie die zahlenmäßig größte Opfergruppe der NS-Herrschaft waren, als d i e Opfergruppe angesehen, ja es bürgerte sich ein, nur noch von der Schoa und dem Holocaust zu sprechen und die anderen Opfergruppen auszublenden. Damit geht man nur den Nationalsozialisten auf den Leim, die die anderen Opfergruppen, weil sie doch potentiell Volksgenossen hätten sein können, ausblendeten. Das mag die anderen Opfergruppen zu Recht schmerzen, aber eine besondere Ehre für die so freigestellten Juden ist es auch nicht, denn es vernebelt, dass ihre Verfolgung wie die anderer Gruppen reine Willkür der Nationalsozialisten war, die eben das Grundmotiv der französischen Revolution, das da lautet, vor dem Gesetz sind alle gleich, vernachlässigte. Heute wissen auch die Juden in aller Welt, sie haben in einer Gesellschaft nicht mehr Rechte, als die jeweils schwächste Minorität. Wir freuen uns für unsere geschundenen Schwestern und Brüder, dass unsere Gesellschaft ihren Nachfahren gleiche Rechte einräumt, ja es ist ein gesellschaftlicher Umbruch, dass eine Person, die sich zu ihrer Homosexualität öffentlich bekennt, heute Regierender Bürgermeister ist. Wäre das vor sieben Jahrzehnten möglich gewesen, bedürfte es unserer heutigen Zusammenkunft nicht .

Wir stehen heute hier an einem Bauschild, das enthüllt wird: Möge das Andenken an die ermordeten homosexuellen NS-Opfer nur möglichst kurze Zeit stehen - nicht, weil irgendwelche Dummbatzen meinen, dieser Opfergruppe gebühre kein Denkmal, sondern weil wir uns hier möglichst bald zur Grundsteinlegung und dann zur Einweihung des Denkmals treffen, denn wir stehen fast sechs Jahrzehnte nach der staatlich sanktionierten und organisierten Verfolgung einer Minorität hier. Indem wir hier stehen bekunden wir,

- dass vor dem Gesetz alle gleich sind,
- dass die Macht des Staates vor dem privaten Leben seiner Bürger halt macht,
- dass wir all jener gedenken, die wegen ihrer sexuellen Orientierung Opfer staatlicher Gewalt wurden,
- dass nationalsozialistische Herrschaft, die weder vor Behinderten, noch vor Andersgesinnten, noch vor anders Lebenden halt machte, pervers ist.

Wir verbeugen uns in Ehrfurcht vor denen, die wegen ihrer anderen sexuellen Orientierung Opfer nationalsozialistischer staatlicher Gewalt wurden."

***

 

 

 

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