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CHRISTINE MEFFERT
ORANIENBURG * "Erst totgeschlagen, dann totgeschwiegen", mahnt eine Gedenktafel
auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Sie ist den
etwa 1000 Homosexuellen gewidmet, die zwischen 1936 und 1945 dort inhaftiert
waren. Dieser jahrzehntelang aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgegrenzten
Opfergruppe widmete die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten gestern eine
Gedenkfeier. Gemeinsam mit dem Schwulenverband Deutschland wollte die Stiftung
damit auch ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Diskriminierung setzen.
Zum vierten Mal lenkten die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen damit den
Blick auf eine spezifische Opfergruppe: Im vergangenen Jahr wurde den Zeugen
Jehovas gedacht, im nächsten Jahr werden es die Sinti und Roma sein. 1996 hatte
Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer
des Nationalsozialismus proklamiert.
Gedenken ist wie Impfen
"Gedenken ist wie Impfen gegen eine Seuche, deren Erreger noch da und lebendig
sind", sagte Kulturminister Steffen Reiche zur Eröffnung der Veranstaltung am
zentralen Gedenkort Sachsenhausens, der Vernichtungsstation "Z". Über
Jahrzehnte hinweg sei das Erinnern in Ost und West selektiv gewesen, fuhr
Reiche fort. Während in der Bundesrepublik vor allem der rassistisch Verfolgten
gedacht worden sei, habe man in der DDR die politisch Verfolgten, die
kommunistischen Opfer, in den Vordergrund gestellt. Ohne ein "Ranking" der
Opfergruppen aufstellen zu wollen, sei es daher besonders wichtig, sich an die
homosexuellen Häftlinge zu erinnern, die länger als alle anderen von der
Wiedergutmachung ausgeschlossen gewesen seien. Fast 130 000 Homosexuelle seien
in geheimen Listen der Nationalsozialisten als Verbrecher geführt worden, 5000
bis 10 000 wurden in Konzentrationslager gebracht, Hunderte starben. "Sie
standen am untersten Ende der Lagerhierarchie", sagte Reiche, "sie waren nicht
geborgen in einer Tradition oder Glaubensgemeinschaft. Für die Verhaftung
reichte es schon aus, im Telefonbuch eines überführten Homosexuellen gefunden
zu werden."
Die Männer, die aufgrund ihrer Homosexualität ins KZ kamen, wurden mit einem
rosa Winkel gekennzeichnet. Diese Gruppe der "Rosawinkel-Häftlinge" war
zeitweise isoliert untergebracht. Sie wurden bevorzugt den Strafkommandos
zugeteilt, die unter besonders schweren Bedingungen arbeiten mussten. Zu diesen
Strafkommandos gehörte auch das spätere Außenlager "Klinkerwerk", wo
Baumaterialien für den Ausbau Berlins zur Hauptstadt "Germania" und später
Rüstungsgüter hergestellt wurden. Durch die unmenschliche Arbeit kamen viele
ums Leben, 1942 wurden 200 der homosexuellen Häftlinge in einer gezielten
Aktion ermordet.
1935 hatten die Nazis mit der extremen Verschärfung der strafrechtlichen
Verfolgung von Homosexuellen (§ 175 StGB) die "rechtliche" Grundlage für diese
Verfolgung geschaffen. Schon "unzüchtige" Blicke oder eine Berührung reichten
aus, um als Homosexueller überführt zu werden. Homosexuelle Frauen wurden von
dem § 175 nicht erfasst. Dieser Paragraph blieb in der Nazi-Fassung auch in der
Bundesrepublik noch zwanzig Jahre in Kraft.
Etwa 50 000 Homosexuelle seien aufgrund dieses Gesetzes noch nach dem Krieg zu
Haftstrafen verurteilt worden, sagte der Berliner Historiker Hans Georg Stümke.
Erst 1969 wurde der § 175 reformiert. Bis dahin standen jegliche homosexuelle
Handlungen zwischen Männern unter Strafe.
Gesetzgeber soll das Unrecht anerkennen
Günter Dworek, Sprecher des Schwulenverbandes Deutschland, forderte
anlässlich
des Gedenktages vom Gesetzgeber, das Unrecht an den Homosexuellen auch nach dem
Krieg anzuerkennen. Das allerdings sei heikel, da damit auch finanzielle
Entschädigungsforderungen verbunden wären, vermutet Stümke. Die Isolierung im
KZ habe der Isolierung in der Gesellschaft entsprochen, sagte der Publizist.
"Der § 175 zwang Schwule, sich in einem subkulturellen Getto zu verstecken, so
dass sie in der Situation der Verfolgung kaum in der Lage. waren, gemeinsame
Überlebensstrategien zu entwickeln", gab er zu bedenken.
Eine Veranstaltung könne nicht gutmachen, was die Gedenkstätten seit 1945
versäumt hätten, sagte der Direktor der Stiftung Brandenburgische
Gedenkstätten, Günter Morsch, und entschuldigte sich dafür vor den Anwesenden.
Für das Jahr 2000 plane die Gedenkstätte mit dem Schwulen Museum in Berlin die
erste Ausstellung über homosexuelle Häftlinge im KZ Sachsenhausen.
Nach der Kranzniederlegung bot der Berliner Schwulenchor "Rosa Cavaliere" eine
szenische Lesung aus Erinnerungsdokumenten von Häftlingen und ein, auch
heiteres, Gesangsprogramm dar. Diese "Schallerstunde", wie auch die seltenen
Kulturabende im KZ hießen, machten sie den Opfern zum Geschenk.
Gestern abend gedachte auch die Stadtbibliothek ORANIENBURG mit einem Einblick
in das Lebenswerk von Professor Dr. Andreas Meyer-Hanno der homosexuellen
Opfergruppe.
***
(Märkische Allgemeine - Ausgabe Oranienburg - vom 28. Januar
1999)
www.maerkische-allgemeine.de
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