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Als die Gedenkstätte 1952 eingeweiht wurde, war die so genannte
Entnazifizierung bereits gescheitert. Viele ehemalige Nazis saßen wieder in
führenden Positionen. Es herrschte Friede mit den Tätern. Unter den "Opfern des
Nationalsozialismus" wurde seinerzeit mehrheitlich etwas anderes verstanden als
das heute der Fall ist. Eine von der amerikanischen Militärregierung im Jahre
1952 in Auftrag gegebene Meinungsumfrage unter der deutschen Bevölkerung
verdeutlicht das Verhältnis zu den Opfern des Nationalsozialismus. An erster
Stelle standen damals die Kriegerwitwen, an zweiter Stelle die Ausgebombten,
dann kamen die Vertriebenen und an vierter Stelle die Hinterbliebenen der
Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944. Als "Opfer des Nationalsozialismus"
wurden die Juden erst an die fünfte Stelle gesetzt.
Der Opferbegriff war also von anderen Gruppen okkupiert worden, unter denen es
viele gab, die das NS-Regime gewollt und es auch lange Zeit getragen hatten.
Nicht nur als Zuschauer der Verbrechen, sondern auch als Täter. Dagegen wurden
zu dem Zeitpunkt, als diese Inschrift in der Gedenkstätte Bergen-Belsen
angebracht wurde, zahllosen unschuldigen Opfern der nationalsozialistischen
Verbrechen der Opferstatus überhaupt verweigert.
Viele Häftlinge der Konzentrationslager wurden für ihre Verfolgungen nicht
entschädigt oder sogar mit den während der Zeit des Nationalsozialismus gegen
sie geschaffenen Gesetzen oder Verwaltungsvorschriften weiter verfolgt...
Der spät einsetzende und mühevolle Prozess des Umdenkens in der Gesellschaft
ging von den betroffenen Gruppen meist selbst aus. Diese oft als "vergessene
Verfolgte" bezeichneten Gruppen forderten die historische Aufarbeitung und
engagierten sich für ihre Aufnahme in das öffentliche Gedenken. Ich erinnere in
diesem Zusammenhang an die Gedenkfeier der Sinti und Roma hier auf dem Gelände
der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Jahre 1979. Ihnen gelang als Einzige die
nachträgliche Eintragung auf der Inschriftenwand in Bergen- Belsen und damit
die symbolische Erinnerung an den Massenmord an ihrem Volk.
In der historischen Dokumentation der Gedenkstätte Bergen-Belsen werden diese
Opfergruppen erst seit 1990 in der neuen Dauerausstellung erwähnt. Seitdem wird
ihr Schicksal auch durch Führungen, Vorträge und Projekttage pädagogisch
vermittelt.
Ein Defizit in der symbolischen Erinnerung aber hatte bis heute Bestand. Am Ort
ihres Todes, auf dem Gelände des ehemaligen Lagers, wird für die jährlich mehr
als 300.000 Besucher außer den Sinti keine andere Opfergruppe in der deutschen
Sprache beim Namen genannt.
Nicht die Kinder, Frauen und Männer aus vielen Ländern, die im
Konzentrationslager Bergen-Belsen gefangen gehalten und um ihr Leben gebracht
wurden, nicht die politischen Gegner des Nationalsozialismus, nicht die Juden,
nicht die Roma, nicht die Zeugen Jehovas, nicht die Homosexuellen und auch
nicht die Soldaten aus der Sowjetunion, die im Gewahrsam der Wehrmacht um ihr
Leben gebracht wurden...
Deshalb übergebe ich heute die Bronzetafel mit den Namen aller Opfergruppen von
Bergen- Belsen der Öffentlichkeit. Auf dieser Tafel wird es künftig heißen:
"Wir gedenken der Männer, Frauen und Kinder aus vielen Ländern, die im
Konzentrationslager Bergen-Belsen gefangen gehalten und um ihr Leben gebracht
wurden: Politische Gegner des Nationalsozialismus, Juden, Sinti und Roma,
Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Opfer der Zerstörung des Rechts. Wir gedenken
auch der im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen um ihr Leben gebrachten
Soldaten aus der Sowjetunion und aus anderen Staaten." *
Das Gedächtnis der Menschen ist auf das Wort angewiesen. Ohne Worte kann es
überhaupt keine Entwicklung des Bewusstseins geben. Deshalb ist der Text so
klar wie jene Worte auf dem jüdischen Mahnmal.
Staat und Gesellschaft haben gegenüber den Gruppen, die Opfer
nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind, eine politische und
moralische Schuld, die noch keineswegs eingelöst ist. Die Gedenktafel soll
nicht nur an die Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus erinnern,
sondern auch an die Defizite, die es in der Bundesrepublik Deutschland in der
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gegeben hat und gibt...
Während der diesjährigen Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des
Konzentrationslagers Bergen-Belsen hielt die niedersächsische Kultusministerin
Renate Jürgen-Pieper eine Rede, aus der wir vorstehend einen Auszug drucken.
Wir bedauern sehr, unseren Lesern aus Platzgründen nicht den ganzen Wortlaut
der bemerkenswerten Rede zur Kenntnis bringen zu können. In der Diskussion um
die "Kultur des Erinnerns", die gegenwärtig auch durch Absichten der
Bundesregierung zugespitzt geführt wird, (siehe "antifa" 11/99, S. 6 und 7)
werden hier einige Akzente gesetzt, über die nachzudenken sich für alle lohnte,
die in unserem Lande mit den Gedenkstätten zur Erinnerung an die Zeit des
Faschismus beschäftigt sind.
H.C.
*Im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen kamen in den Jahren 1941 und 1942 mehr
als 20.000 sowjetische Soldaten ums Leben. Von 1943 bis 1945 wurden im
Konzentrationslager Bergen-Belsen über 50.000 Häftlinge ermordet.
(antifa Januar 2000)
www.ivvdn.de/antifa/
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